Steyr 680: Die Wucht in Schluchten

Rechts die steile Böschung, links die Gegenfahrbahn, dazwischen ein Baum. Um einem entgegenkommenden Wagen auszuweichen wählte der deutsche Lyriker Bertolt Brecht im Jahre 1929 den Baum, steuerte seinen Wagen mit 70 Sachen genau mittig auf ihn zu.
Brecht hatte eine Vorliebe für feine Cabrios aus Österreich und sein Wagen wenig mit dem hier vorgestellten Steyr 680 gemeinsam - außer, dass die Steyr-Fahrzeuge als sehr robust gelten. Brecht zog also nicht ohne Grund den Baum der Böschung vor.
Diese Robustheit wird auch dem Steyr 680 nachgesagt. Zu Recht. Doch wegen des hohen Anschaffungs-Preises und der geringen Zuladung konnte sich der 680er nie richtig auf dem Markt durchsetzen. Außer beim Militär, denn es setzten das österreichische Bundesheer, die Schweizer Armee und die griechischen Streitkräfte auf den Allrad-Truck mit den treuen Augen. Der hier gezeigte Wagen weilte bei der Schweizer Armee, was leicht an den Trilex-Felgen zu erkennen ist. Die Schweizer sind große Fans der dreigeteilten Felgen, genau wie afrikanische Trucker. Vorteil der Trilex-Felge ist, dass die Räder überall montiert werden können. Ganz ohne Montier-Maschine, nur mit einem Hebel.
„Was nicht dran ist, geht auch nicht kaputt”. Nach diesem Motto haben die österreichischen Ingenieure direkt mal auf ein synchronisiertes Getriebe und eine Servolenkung verzichtet. Mit der nicht vorhandnen Servo wird der Allrad-Truck zur mobilen Mucki-Bude – für Extra-Schweiß auf der Stirn sorgt das Getriebe.
Wer nur annähernd ein Herz für Oldtimer hat, neigt dazu, sich als Anfänger bei unsynchronisierten Getrieben allabendlich mit Dornenzweigen zu geißeln. Die Geräusche, die solch ein Getriebe produzieren kann, sind angsteinflößend. Mit ein bisschen Übung relativiert sich das allerdings: Beim Hochschalten Kupplung treten, Gang rausnehmen, Kupplung kommen lassen und wieder treten, Gang einlegen, Kupplung kommen lassen.
Beim Runterschalten das Gleiche mit Zwischengas – also Kupplung treten, Gang rausnehmen, Kupplung kommen lassen, Zwischengas geben, Kupplung treten, Gang einlegen, Kupplung kommen lassen.
Generell ist das Schalten mit unsynchronisierten Getrieben Gefühlssache. Manch erfahrener Kieskutscher schaltet diese Getriebe ohne zu kuppeln – manch unerfahrener Hobby-Trucker sollte das lassen.
Wer im Hinterkopf behält, dass der Wagen ab 1960 vom Band lief, findet dennoch eine überraschend moderne Ausstattung vor. Dank des Direkteinspritzer-Diesels wird ohne Vorglühen gestartet. Der 6-Zylinder-Reihenmotor mit sechs Litern Hubraum springt sofort an und staubt die Gegend erstmal mit einer benebelnden Rußwolke ein. Mit 120 PS sorgt der Motor für konstanten Vortrieb.
Der Allradantrieb wird per Druckluft zugeschaltet, was auch bei langsamer Fahrt erfolgen kann. Das hat den Vorteil den Schwung beizubehalten, wenn die Pistenverhältnisse wechseln. Tendieren die Pisten in Richtung schwierig, kann das Getriebe untersetzt und eine Sperre zugeschaltet werden. Damit ist der Steyr fast nicht mehr aufzuhalten. Allerdings steigert das den Verbrauch von regulär 20 Litern auf locker das Doppelte. Das Verteilergetriebe, mit dem der Allradantrieb zugeschaltet wird, hat zusätzlich noch einen Nebenausgang, mit dem Arbeitsgeräte, wie zum Beispiel eine Seilwinde, betrieben werden können.
„Der Steyr 680 zaubert seinem Piloten ein Grinsen ins Gesicht. Oder der Wagen explodiert beim Versuch, ihn bei eisigen Temperaturen zum Leben zu erwecken“
Ein nettes Gimmick ist die Starthilfe, die es ermöglicht, den LKW noch bei unter -20 Grad Celsius ohne Vorglühen zu starten. Dabei kippt man sechs Teile Petroleum und einen Teil Äther in den kleinen Tank am Armaturen-Brett, befördert das Gemisch per Aufsperrhahn in den Einspritztrakt und hofft, dass der Motor beim Starten nicht explodiert.
Der Steyr zaubert seinem Piloten ein breites Grinsen ins Gesicht. Und vermutlich konnte man dieses auch im Rückspiegel jenes Cabrios sehen, mit dem der gute alte Brecht unterwegs war. Den Wagen hat er im Jahr 1928 als Honorar für sein Werbegedicht „Singende Steyrwägen“ bekommen. Nach der Baum-Begegnung musste ein neues Cabrio her und so hat Brecht in einer Berliner Wochenzeitschrift seinen Unfall geschildert und den robusten Steyr ordentlich hergelobt. Damit war dann wieder für Cabrio-Nachschub aus Österreich gesorgt.

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