Dienstag, 28 September 2010

Schickeria-Schocker, Ducati 996 SPS – Testbericht

Schickeria-Schocker, Ducati 996 SPS – Testbericht

Dein Cousin heiratet, alle haben sich fein heraus geputzt, das Restaurant ist piekfein, das Geschirr passt zu den Servietten passt zur Raumdeko passt zu den Kleidern der Brautjungfern, die Braut erfüllt sich den Prinzessinnentraum in weiß. Und Du schleppst Deine neue Punkerfreundin an. Da kannst dann mal von ausgehen, dass ein Großteil der feinen Gesellschaft wenig Verständnis für ihr Outfit haben wird. Genau so ist das mit dieser Ducati. Sie will optisch so gar nicht in die Szene passen und kaum einer erkennt ihre inneren Werte.

Und davon hat sie viel. Der Rahmen von der 748, der Motor von der 996 SPS, Leistungsoptimierung durch eine 54er Krümmeranlage mit offenen Termignionis, angepasste Steuerzeiten und Eprom, STM-Kupplung mit 48 Zähnen für saubere Schaltvorgänge, No-Toil-Luftfilter für frischen Atem, CO-Einstellung bei 6 Prozent, ultraleichte Rennverkleidung und viel Carbon.

Innere Werte und Benimm

Willst mal die schwarze Italienerin ausführen?“ fragt der Hans und ich kann nicht nein sagen. Tagelang haben wir uns schon gegenseitig beäugt und ich dacht immer „mann, ist die böse“. Ich setze mich also mit einigem Respekt drauf und fahr los. Sie zieht sofort an, schiebt nach vorne, die Kupplung gezogen stoppt der Schub abrupt, den nächsten Gang rein und sie schiebt wieder kräftig. Und dann kommt das unerwartete: die Signorina kann sich richtig gut benehmen, fährt mit leichtem Druck exakt da hin, wo ich es will.

Nur unterhalb von 3.000 Umdrehungen benimmt sie sich richtig ruppig, darüber geht’s kultiviert los und ab 6.000 schiebt sie dann richtig. Beim Gas wegnehmen grollt sie vor sich hin, „los zieh am Seil, ich will was erleben!“. Also gut, wer eine rassige Italienerin ausführt, muss ihr was bieten. Erleben wir was und hetzen gemeinsam durch die Rhön. Schon nach wenigen Kilometern sind wir Freunde. Die böse und ich.

Schräglage abrufbereit

Die Sitzposition ist ambitioniert sportlich. Will heißen, man streckt das Kinn fast schon über´s Vorderrad, die Gabel steht steil, der Bauch drückt sich am Tank platt und die Handgelenke schmerzen bei langsamer Fahrt. So lässt sich die Duc perfekt um die Ecken manövrieren.

Das Fahrwerk ist bei guten Straßenverhältnissen echt in Ordnung. Kommen Bodenwellen, wird die Duc zickig. Da ist dann ordentlich festhalten angesagt. Das liegt daran, dass das Fahrwerk eher suboptimal eingestellt ist und das Öhlins-Fahrwerk zeitweilig vom Dienst suspendiert und durch die weniger kompetenten originalen Kollegen ersetzt wurde. Aber man erkennt eindeutig das Potenzial. Das Knie knapp über dem Boden liegt die Signorina seelenruhig auf der Straße, Kurskorrekturen nimmt sie gelassen. In der Kurve verschätzt, lässt sich problemlos mehr Schräglage abrufen.

Ein echter Hammer sind die Bremsen. Damit wickelt sie einen endgültig um den Finger. Anfangs noch ungewohnt aggressiv, werden sie schnell zu perfekt dosierbaren Freunden. Die Brembos beißen ordentlich zu, auch dank der hier verbauten Racing-Beläge.

Fazit: Diese reinrassige Italienerin ist nichts für Leute, die auf chick stehen. Aber für Leute die fahren wollen. Und das ziemlich schnell.

 

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